Bedeutet die Umkehrung der Netzneutralität, dass nun die Jagdsaison auf Connected-Car-Daten eröffnet ist?

Die US Federal Communications Commission (FCC; eine unabhängige Fernmeldebehörde der Vereinigten Staaten, deren Aufgabe unter anderem die Reglementierung und Regulierung der Rundfunk-, Fernseh-, Satelliten- und Kabelkommunikation ist) hat für die Abschaffung der Netzneutralität gestimmt.

Mit dieser Entscheidung haben Internet Service Provider (ISPs) und Telekommunikationsunternehmen nun das Recht, Dienste entsprechend der Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden zu priorisieren und ihre Kundendaten an Dritte zu verkaufen. Eine Branche, die den Effekt wahrscheinlich zu spüren bekommt, ist die Automobilbranche.

Connected Cars beziehungsweise vernetzte Fahrzeuge sind auf eine kontinuierliche Datenübertragung angewiesen. Schätzungsweise werden bis zum Jahr 2021 über 380 Millionen vernetzte Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein – mehr als doppelt so viele wie heute. Aktuell befindet sich die Automobilbaubranche noch in einem sehr frühen Stadium des Ideenfindungsprozesses, wie man Connected-Car-Daten zu Geld machen kann.

Die Lockerung der Netzneutralitätsregeln führt wahrscheinlich dazu, dass sich Automobilhersteller mit Telefongesellschaften und Internetanbietern zusammentun, um Kunden eine Auswahl verschiedener datenbasierter Dienste anzubieten. Letztlich könnte dies sogar rentabler als der eigentliche Verkauf von Fahrzeugen sein. Eine der größten Herausforderungen für die Motorenhersteller wird es sein, Kunden davon zu überzeugen, dass ihre Privatsphäre dennoch gewährleistet ist und ihre Daten nicht zum Abschuss freigegeben werden. Eine todsichere Möglichkeit zur Sicherung von Fahrerdaten ist die Verwendung von Virtual Private Networks (VPNs).

Big Data, Big Profits

Bis zum Jahr 2020 werden Schätzungen zufolge 20 Milliarden ins Auto eingebaute Geräte kontinuierlich Fahrzeugdaten über das Internet zurücksenden. Dann wird jedes Fahrzeug rund 1,5 TB Daten pro Tag übertragen – mehr als 25 GB pro Stunde pro Fahrzeug. Ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells jedes Motorenherstellers wird deshalb in der Entwicklung von Möglichkeiten bestehen, wie diese großen Datenmengen erworben, verwaltet und zu Geld gemacht werden können.

Die Suche nach Software-Plattformen, die als Partner geeignet sind, ist bereits ernsthaft im Gange. Fords Plattform Ford Pass und die GM-Plattform OnStar AtYourService stellen erste Beispiele dar. Fahrzeugdaten werden an Dritte verkauft, wie beispielsweise Versicherungsunternehmen oder Pannendienste, um ihnen dabei zu helfen, Fahrer mit Treuerabatten und Sonderangeboten anzulocken.

Die Außerkraftsetzung der Netzneutralität ermöglicht Internetanbietern in den USA, bei solchen Aktionen mitzumischen. In Zukunft könnten Deals zwischen ISPs und Autoherstellern zum Angebot verschiedener softwarebasierter Leistungspakete führen. Der genaue Inhalt und die Geschwindigkeit, mit der jeder einzelne Service erbracht wird, würden variieren und davon abhängen, wie viele Fahrzeughalter bereit sind, dafür zu zahlen.

Herausforderungen für den Datenschutz

Eine der größten Herausforderungen rund um den Datenschutz besteht in der Entwicklung von Dienstleistungen, die die gegensätzlichen Interessen von Produktdesignern und Marketingverantwortlichen mit denen der Rechtsabteilungen und Compliance-Teams unter einen Hut bringen.

Ein solcher Kompromiss ergab sich im Jahr 2015. Der ADAC (Allgemeine Deutsche Automobil-Club) fand heraus, dass von den On-Board-Diagnosesystemen (OBD) eines BMW-Modells große Mengen an Daten einschließlich Zieladressen und Telefonnummern erfasst wurden, und zwar ohne Erlaubnis des Nutzers.

Ursprünglich konnte auf die Daten nur über eine direkte Verbindung zum OBD zugegriffen werden. Sobald jedoch mit der drahtlosen Datenübertragung begonnen wird, wird das Risiko, dass die Daten ohne Zustimmung des Kunden erfasst, verarbeitet und weitergegeben werden, unannehmbar hoch. In Europa, insbesondere nach der EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), müssen Fahrzeughersteller vor der Weitergabe von Fahrzeugdaten sicherstellen, dass ihnen die ausdrückliche Zustimmung des Fahrzeugeigentümers vorliegt. In den USA gibt es bislang noch keine derartigen Vorschriften. Dies hat in einigen Lagern zu Befürchtungen geführt, dass jedermann im Zusammenhang mit der Sammlung und dem Verkauf von Connected-Car-Daten freie Hand haben könnte, und zwar auf Kosten der Privatsphäre des Eigentümers.

Was könnte jemanden beispielsweise daran hindern, die in den Infotainment-Systemen von Mietfahrzeugen gespeicherten Kundendaten zu Geld zu machen? Durch die Verbindung Ihres Smartphones mit dem System eines Mietfahrzeugs könnten Sie unwissentlich Detailinformationen über Ihr Smartphone, besuchte Orte und sogar Ihre Privatadresse weitergeben, sodass andere diese gewinnbringend ausnutzen könnten.

Verbrauchervertrauen am Scheideweg

Wie sich dies alles auf die Verbraucher auswirkt, ist schwer einzuschätzen. Teilweise deshalb, weil durchgeführte Branchenuntersuchungen bisher durch die Interessen der Sponsoren gefärbt sind. So geben etwa die Versicherer bei Willis Towers Watson ein weitgehend positives Bild, wenn sie sagen, dass 55 Prozent der Verbraucher in den kommenden 24 Monaten wahrscheinlich einen Neu- oder Gebrauchtwagen mit neuen technologischen Funktionen kaufen werden. Laut ihrer Aussage sind vier von fünf Fahrer zur Weitergabe ihrer Fahrdaten bereit.

Im Gegensatz dazu zeigt sich eine von Irdeto – Anbieter von Lösungen im Bereich Sicherheit digitaler Plattformen – veröffentlichte Untersuchung entschieden pessimistischer. Einer Befragung von über 8.000 Konsumenten in sechs Ländern zufolge besitzen 93 Prozent der Befragten kein vernetztes Fahrzeug oder wissen nicht, ob ihr Fahrzeug vernetzt ist. Knapp die Hälfte (49 Prozent) besitzt kein vernetztes Fahrzeug und plant auch seine Anschaffung nicht. Ein großer Teil (85 Prozent) gab Cybersecurity als Grund für die Zurückhaltung an.

Was auch immer der wahre Sachverhalt ist: VPNs sind zweifellos eine nützliche Methode, mit der Motorenhersteller sicherstellen können, dass sämtliche drahtlos übertragenen Fahrerdaten absolut geheim bleiben. Dies ist besonders wichtig für die Einhaltung der DSGVO-Vorschriften. VPNs in Fahrzeugen können sichere Konnektivität und Authentifikation sowie ein zentrales Remote Access-Management für Software-Patches und Over-the-Air-Updates gewährleisten.

Fazit: Durch die Abschaffung der Netzneutralität haben Internetanbieter viel größere Freiheiten bei der Gestaltung der Verbindungen unserer Fahrzeuge mit der Onlinewelt. Sämtliche neuen Dienste, die das Abgreifen und den Verkauf von Fahrerdaten mit sich bringen, würden in direktem Konflikt mit den Grundsätzen stehen, die den Datenschutz an oberste Stelle setzen und die in Vorschriften wie der DSGVO verankert sind. Die Privatsphäre, und im weiteren Sinne VPN-Technologie zum Schutz dieser Privatsphäre, muss ein zentraler Bestandteil in den künftigen Plänen sämtlicher Fahrzeughersteller sein.

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